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Der „Riegel“ ist ein Vermittler

Laudatio von Judith Burger anlässlich der erstmaligen Vergabe der Auszeichnung „Riegel – KulturBewahren. Preis für Schutz, Pflege und Ausstellen von Kunst- und Kulturgut“

Sie fragen sich vielleicht, was ich als Autorin mit dem Bewahren und Sichern von Kunst und Kultur zu tun habe? Ich muss gestehen: Ganz kurz habe ich mich das auch gefragt, als Berthold Schmitt mich um eine Laudatio bat. Doch dann dachte ich, das passt. In gewisser Weise bewahre auch ich Kunst- und Kulturgut, denn ich erzähle Geschichten darüber. Das ist ja auch eine Art des Bewahrens.

Heute geht es um den Riegel. Der „Riegel“ hat gerade eben erst das Licht der Welt erblickt. Und ich denke, ihm besteht eine große Zukunft bevor. Den Menschen, die ihn bekommen, soll er Freude bringen und eine größere Aufmerksamkeit für das, was sie tun. Arbeitslos wird er dabei praktisch nie. Denn was ist seine Aufgabe? Er verschafft den Menschen Anerkennung, die sich darum mühen, Kunst- und Kulturgut auf eine gewisse Weise unvergesslich zu machen. Und das ist ein weites Feld, das vielen gar nicht bewusst ist.

Kultur befindet sich stets und ständig im Wandel. Permanent legt sie Praktiken oder Zeugnisse ad acta und gleichzeitig gewinnt sie neue hinzu. Ein Beispiel: Haben wir in den letzten Jahrzehnten die Kultur des Briefe-Schreibens fast gänzlich verloren, rückte z.B. die Street-Art in den Fokus größeren Interesses. Graffiti werden inzwischen ausgestellt. Es ist also so: Eins geht, dass andere kommt. Und alles, was an Kunst- und Kulturgut schon da ist, steht im Museum, können wir uns anschauen, wann wir wollen. Brauchen wir uns eigentlich keine Sorgen zu machen, oder?

Doch, was ist, wenn es eine Katastrophe gibt? Was ist, wenn sich das Publikum für das Kunst- und Kulturgut verändert – wenn es andere Sprachen spricht, kleiner wird, oder älter, langsamer? Was ist, wenn das Kunst- und Kulturgut selbst alt wird, nicht mehr so gut aussieht? Was ist, wenn eine Sammlung aus allen Nähten platzt – wo bleiben die kostbaren Stücke solange? Schließlich sehen wir im Museum immer nur einen kleinen Teil der Kunst – es gibt immer noch mehr und das ist ja auch das Wunderbare daran.

Kunst und Kultur sind Ausdruck des Menschen. Und sie haben dieselben Feinde wie Menschen: Feuer … Krieg … Zeit … Hass … Insekten … die Liste der Feinde ist – denke ich – sehr lang. Schauen wir auf die ganze Welt, sehen wir in jüngster Vergangenheit zum Beispiel die Zerstörung der antiken Metropole Palmyra. Es ist nicht nur der historische Wert, der mit Palmyra zerstört wurde, sondern auch die große Bedeutung dieses Ortes: Einer der Tempel dort galt als Brücke – eine Brücke von Arabien zur westlichen Welt. Und – tausende Touristen strömten seit jeher nach Palmyra – dieser Ort verkörpert auch das bildungsbürgerliche Interesse des westlichen Europas. Das alles waren Gründe für die Zerstörer von Palmyra, denn sie sind nicht nur Feinde der Kunst, mit der sich Menschen ausdrücken, sie sind auch die Feinde der Menschen.

Kunst zu erhalten oder eben nicht, ist auch von politischem Interesse. Das ist auch in Europa so. Für das Jahr 2018 hat die Europäische Kommission ein Europäisches Kulturerbejahr vorgeschlagen – unter dem Motto „Sharing Heritage“. Ziel ist dabei, unser gemeinsames kulturelles Erbe in Europa zu entdecken und zu verstehen. Weil es ein Teil unserer Identität ist. Wenn wir Europas kulturelle Vielfalt besser verstehen, und uns vor allem die Gemeinsamkeiten bewusst machen, dann können wir uns auch kulturell besser orientieren. Wenn wir den Wert unseres kulturellen Erbes erkennen, lernen wir gleichzeitig die kulturelle Identität von Anderen wertzuschätzen. Erst die Kultur mit ihrem vielfältigen Ausdruck lässt uns zu Menschen werden – überall auf der Welt. Deshalb müssen wir unsere Kultur und Kunst bewahren – zum Beispiel durch Denkmalschutz. Und auch durch die Arbeit von Museen, Galerien, Archiven, Burgen und Schlössern – kurz durch das Engagement aller Arten von Kultureinrichtungen.

Doch Kunst und Kultur bewahren ist auch ein zweischneidiges Schwert. Bewahren verwechseln manche mit dem Festhalten an erstarrten Gegebenheiten. Das sind dann jene, die immer nur nach Gestern schielen. Dabei befindet sich doch alles im Wandel: die Menschen, die Gesellschaft und die Kultur. Und das ist etwas Gutes, im Wandel liegen große Chancen. Deshalb müssen wir unser Kunst- und Kulturgut auch so bewahren, so präsentieren, dass wir die Zukunft mitgestalten. Denn in der Auseinandersetzung mit diesem Kunst- und Kulturgut lernen junge Menschen ihre Geschichte besser verstehen. Das ist auch für ihre Zukunft gut.

Was hat der kleine „Riegel“ mit all diesen Dingen zu tun? Ein Riegel ist doch eigentlich dazu da, eine Tür zu verschließen. Niemand kann mehr hinein, keiner mehr heraus. Aber das Gute am Riegel ist, er ist beweglich. Er lässt sich ganz leicht öffnen und wieder schließen. Dieser Riegel, dieser Preis, steht dafür, den Riegel zu schließen, wenn ein Verlust droht oder wenn Kunst- und Kulturgut eine Pause brauchen. Und dieser Preis steht dafür, den Riegel zu öffnen – nämlich, wenn das Kulturgut eine Veränderung braucht.

Der „Riegel“ ist also ein Vermittler, ein kleines Ding DAZWISCHEN, zwischen Kommen und Gehen, zwischen Kunst und Kultur auf der einen Seite und dem Publikum auf der anderen Seite, er ist ein Bindeglied zwischen der Ausgangssituation und dem Ziel: und das Ziel ist immer eine bessere Situation für beide Seiten.
Der „Riegel“ steht für all jene, die in diesem DAZWISCHEN arbeiten, für all jene, die gegen das Erstarren arbeiten: Das sind die Bewahrer von Kunst und Kultur, das sind die, die den Riegel vorschieben, wenn es sein muss, oder die ihn öffnen, wenn es etwas zu optimieren gilt. Dabei geht es um ganz praktische Dinge, Dinge, um die sich sonst keiner kümmert. Das alles liegt in der Hand von Menschen und es sind diese Menschen, die der „Riegel“ ehrt.

Was ist das alles, was die Bewahrer und Sicherer von Kunst und Kultur in diesem „DAZWISCHEN“ ausrichten können? Was genau können die Bewahrer tun, wenn es ums Pflegen und Präsentieren, geht? Sie können zum Beispiel:

  • Kunst und Kultur besser präsentieren, indem sie sie hinterfragen und so besser für das Publikum erklären,
  • versuchen, ein breiteres Publikum zu erreichen, also Jung und Alt gleichermaßen zu faszinieren, indem sie Angebote schaffen,
  • Kunst und Kultur auch denen vermitteln, die wenig oder gar keinen Zugang zu ihr haben – so dass auch Menschen mit einem Handicap zur Kunst kommen können – z.B. durch Barrierefreiheit,
  • Datenbanken anlegen, um einen noch besseren Überblick über die Bestände von z.B. Kunstsammlungen zu bekommen und so besser zu erkennen, welches Stück in der Sammlung vielleicht eine Sonderbehandlung benötigt,
  • für angemessene Temperaturen in Ausstellungsräumen sorgen, denn Kunst hat da oft ganz andere Ansprüche als wir,
  • sie können Licht machen – das richtige Licht, damit jedes Detail der Ausstellungsobjekte sichtbar wird oder sich auch um lebensrettendes Licht kümmern – mit der Beleuchtung der Notausgänge zum Beispiel und
  • sie können sich mit dem Ruhestand beschäftigen – mit dem Ruhestand von Kunst- und Kulturgut wenn es in Depots oder Archiven lagert, denn auch dort muss es geschützt und bewahrt bleiben.

Ich habe natürlich noch längst nicht alles aufgezählt, aber Sie sehen, die Bandbreite der Aufgaben, die das Bewahren mit sich bringt, ist groß. Und der „Riegel“ bedenkt jene Bewahrer, die diese Aufgaben übernehmen. Jene, die dafür sorgen, dass die Vielschichtigkeit von Kunst und Kultur auch greifbar, sehbar, hörbar, erinnerbar und meinetwegen auch riechbar wird. Deshalb ist auch die Bandbreite der Bewahrer von Kunst und Kultur sehr groß. Sie sind Ingenieure, Erfinder, Statistiker, Statiker, Akustiker, Lichtdesigner und noch vieles mehr. Vor allem sind es Menschen, die Sensoren haben, die melden, wenn Kunst und Kultur in Gefahr sind oder Veränderungen durchmachen, auf die wir reagieren sollten. Die Bewahrer von Kultur ermöglichen letztendlich uns allen Menschen die Begegnung mit Kunst und Kultur – es sind Begegnungen, die vielleicht ein Leben zu verändern mögen.

Judith Burger, Leipzig, 10. November 2016